Grundsätze

Respektvoller Umgang mit Lebensprozessen

Die Basis für die gesunde Entwicklung eines Menschen ist das Respektieren der individuellen Bedürfnisse und das Vertrauen, dass er durch sein Tun seiner ureigensten Sache folgt, seinem inneren Bauplan nachgeht. Das Kind ist von Anfang seines Lebens an eine eigenständige Persönlichkeit, in seinem Innersten weiß es um seine Bedürfnisse und Entwicklungsschritte. Das Bedürfnis unabhängig zu werden ist der Motor für seinen Weg.

Jedes Kind hat das Recht als unverwechselbares, einzelnes Individuum wahr und ernst genommen zu werden. Eltern und Lehrpersonen sind dafür verantwortlich, dem Kind einen Lern- und Erfahrungsraum vorzubereiten, der Lebensprozesse respektiert und fördert.


 Vorbereitete Umgebung

Die vorbereitete Umgebung ist Lebens-, Lern- und Entwicklungsraum, der den Bedürfnissen des Kindes zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit angepasst ist. Sie hat eine einfache Struktur, eine klare Gliederung und soll sich nach den Erfordernissen der Kultur und der Zivilisation, in die das Kind hineinwachsen soll, richten.

Die räumlichen Voraussetzungen sind in der Regel in jedem Schulgebäude umsetzbar. Das Angebot eines für die Kinder frei verfügbaren Außenbereichs ist erstrebenswert.


Lernmaterial (unter anderem nach Maria Montessori)

Das Lernmaterial ist Bestandteil der vorbereiteten Um­gebung. Der bestehende Lehrplan kann durch das strukturierte Material bzw. durch die Kenntnisse aller Übungen abgedeckt werden.

Merkmale des „Montessori-Materials“ sind:

  • Aufforderungscharakter
    Durch den starken Aufforderungscharakter des Lernmaterials findet das Kind Interesse an den Lerngebieten. Es entwickelt Motivation aus Neugierde und Freude am Umgang mit dem Material.
  • Polarisation der Aufmerksamkeit
    Das Montessori-Material fördert und fordert die Polarisation der Aufmerksamkeit, das heißt die vollkommene Zuwendung des Kindes zu einer bestimmten Tätigkeit. Durch häufiges Wiederholen einer Übung in freiwilliger Konzentration ergibt sich ein nachhaltiger Lerneffekt
  • Materialisierte Abstraktion
    Das didaktische Material bietet dem Kind eine „materialisierte Abstraktion“, denn der Aufbau und die Anwendung des Montessori-Materials ermöglichen ein Lernen, bei welchem von der konkreten Form zur abstrakten Vorstellung gelangt wird („Be-greifen“).
  • Selbstkontrolle
    Das Montessori-Material enthält die Möglichkeit der Selbstkontrolle, damit die Unabhängigkeit von Erwachsenen gefördert wird. Das Kind soll selbst seine Fehler erkennen und korrigieren können.

Zusätzlich zu den typischen Montessori-Materialien werden verschiedenste andere Lernmaterialien bereitgestellt, die die Lehrperson für notwendig und sinnvoll hält. Projekte und verschiedene Exkursionen sind Teil eines modernen und interessanten Unterrichts.


Freie Wahl der Arbeit

Eine freie Wahl der Arbeit setzt das eigenverantwortliche, selbstständige Handeln in den Mittelpunkt der pädagogischen Überlegungen. Die Kinder haben die Möglichkeit, täglich ihr eigenes Tun zu planen und zu organisieren. Das Rhythmisieren des Schulalltags orientiert sich an den individuellen Bedürfnissen, den Themen und Methoden.
Unter Freiarbeit verstehen wir eine festgesetzte Phase des Unterrichts, die sich durch folgende wesentliche Merkmale auszeichnet:

  • eigene Wahl der Tätigkeit, des Lerngegenstandes
  • eigener Rhythmus und individuelles Tempo, genügend Zeit
  • frei gewählte Sozialform; unter anderem Projekt- und Gruppenarbeit
  • Zeit für Wiederholung und Festigung
  • Kontrolle der Arbeiten durch weitgehende Selbstkontrolle
  • Dokumentation und Präsentation der eigenen Arbeit

Beachtung der sensiblen Phasen

Wir wollen die sensiblen Lernphasen des Kindes – Phasen, in welchen es für eine spezifische Tätigkeit besonders aufnahmefähig ist – beobachtet und unterstützt wissen. Auf diese Weise lernt das Kind aus eigenem Antrieb mit besonderer Leichtigkeit und
Freude. Diese sensiblen oder kritischen Phasen sind für das Kind ideal, um bestimmte Inhalte (Schreiben, Lesen, Rechnen, usw.) zu erlernen.


Grundhaltung und Aufgaben der Lehrperson

Die Erwachsenen pflegen einen liebe- und respektvollen Umgang mit jedem einzelnen Kind. Sie bereiten die Umgebung den ihnen anvertrauten Kindern entsprechend vor, sie halten ihre Wahrnehmungen und Beobachtungen fest, sie sind BegleiterInnen, sie sorgen für die Einhaltung der vereinbarten Regeln, sie stellen Wissen und Kompetenz zur Verfügung, sie hören zu, sie sind achtsam und präsent. Das Team bespricht in regelmäßigen Abständen die Entwicklung der einzelnen Kinder, bespricht mögliche Fördermaßnahmen und steht in regelmäßigem Austausch mit Kindern und Eltern.


Soziales Lernen

In einer bunt gemischten sozialen Gruppe lernen Kinder sich täglich zu integrieren, sich zu behaupten, Entscheidungen zu treffen, zu diskutieren, eigene Grenzen abzustecken, andere zu respektieren, eigene Standpunkte zu vertreten, mit anderen zusammen zu arbeiten, Absprachen zu treffen, zu warten bis ein Lernmaterial frei ist, zu helfen und sich helfen zu lassen, zuzuschauen und von anderen zu lernen. Sie lernen mit Älteren und Jüngeren, mit Stärken und Schwächen jedes Einzelnen umzugehen und sie entwickeln somit ein realistisches soziales Weltbild.

Im Schüler- oder Klassenrat werden die Regeln für das alltägliche Zusammenleben gemeinsam erarbeitet, diskutiert, reflektiert und falls notwendig geändert. Die Zeiten hierfür sind fixer Bestandteil des Stundenplans. Da sich ein Kind nur in einer entspannten Umgebung in eine Arbeit vertiefen kann, bilden klare Regeln und Strukturen den Rahmen, innerhalb dessen auch die natürlichen Konflikte konstruktiv ausgetragen werden können.


Integration und Jahrgangsmischung

Aus dem Grundsatz Soziales Lernen kristallisieren sich zwei wichtige Punkte heraus: Zum einen soll dieses alternative Schulangebot ein Ort für alle Kinder sein. Jedes Jahr sollen Plätze für Kinder mit besonderen Bedürfnissen und für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache (im gleichen Prozentverhältnis wie die anderen Klassen an der Schule) reserviert sein. Zum anderen ist so schnell wie möglich eine Jahrgangsmischung anzu­streben, um eine möglichst „sozial wahre“, heterogene Gruppe zu bilden. Denn in der Vielfalt liegen Chancen.


Alternative Leistungsbeurteilung

Alternative Beurteilung ist Teil einer umfassenden Rückmeldekultur und eröffnet die Möglichkeit, die individuellen Fortschritte der SchülerInnen aufzuzeigen. Sie fördert die Selbsteinschätzung und stärkt das Selbstvertrauen. Individuelle Lernwege und Ergebnisse werden von den SchülerInnen dokumentiert (Lerntagebuch, …) und in geeignetem Rahmen präsentiert. Die Bedeutung von Prozess und Produkt ist gleichwertig. Die äußere Form der Beurteilung kann unterschiedlich ausfallen, zum Beispiel: Lernentwicklungsbericht.


Elternarbeit

Die Eltern gehören zum Netzwerk Schule und beteiligen sich im Idealfall mit Engagement und Freude am laufenden Entwicklungsprozess, der auch Veränderungen und Reflexion bedeutet. Elternabende zu verschiedenen Themen werden durchgeführt, damit die Eltern in der Wegbegleitung ihres Kindes gestärkt werden und selbst daran wachsen können. LehrerInnen-Eltern-Gespräche finden in regelmäßigen Abständen statt, eventuell auch Hospitationen, um die Lebensprozesse der Kinder besser zu begleiten. Eltern können mit ihren Ressourcen, Fähigkeiten und ihrem Wissen im Schulalltag eingebunden werden, um den Unterricht noch differenzierter und vielfältiger zu gestalten.

Von Beginn an ist ein aktiver Austausch und eine integrative Kooperation mit dem bestehenden Elternverein der Schule anzustreben. Um gemeinsame Aktionen zu planen, voneinander zu lernen und einander zu stärken.


Quellen

  • Ludwig Duncker/Annette Scheunpflug/Klaudia Schultheis: Schulkindheit. Anthropologie des Lernens im Schulalter.
    Stuttgart: Kohlhammer 2004. ISBN 3-1701-7412-6
  • OECD: Wie funktioniert das Gehirn? Auf dem Weg zu einer neuen Lernwissenschaft.
    Stuttgart: Schattauer 2005. ISBN 3-7945-2369-5
  • Christian Rittelmeyer: Pädagogische Anthropologie des Leibes.
    Biologische Voraussetzungen der Erziehung und Bildung.
  • Weinheim und München: Juventa 2002. ISBN 3-7799-1099-3
    Zeitschrift für Pädagogik: Thementeil Gehirnforschung und Pädagogik.
    50. Jg., H. 4: Juli/August 2004. S. 471-538. ISSN 0044-3247